Jahrelang Mutter und jetzt?

Jahrelang Mutter und jetzt?

Jahrelang war ich zuhause und habe mich um die Kinder gekümmert. Ich habe das gern getan. Die Gründe waren unterschiedlich und wandelten sich mit der Zeit. Doch zu keinem Zeitpunkt habe ich es bereut.
Und gleichzeitig war ich nicht nur die Mutter zuhause, sondern auch die Studentin und irgendwann auch die Dozentin. Mein Kopf wollte Input. Das Studium an der Fernuniversität in Hagen war eine absolute Bereicherung, auch wenn dieser Weg nicht einfach war. Ich habe zwischendurch Fortbildungen besucht, Kurse gegeben, mich weiterentwickelt, mich ausprobiert – doch was bleibt davon? Wohin will ich eigentlich? Leider zählt dieses auf dem Arbeitsmarkt nur sehr wenig.

Jetzt sitze ich vor meiner Abschlussarbeit und es drängt sich die Frage auf: Was folgt?
Sich selbst erst einmal bewusst machen, welche formalen Qualifikationen ich in den letzten 20 Jahren abseits einer sozialversicherungspflichtigen geregelten Arbeitsstelle erlangt habe, wird mein erster Schritt sein. Ich bin viel mehr als nur Hausfrau und Mutter. Und was ist eigentlich mit all den informellen Qualifikationen wie das Management eines Fünf-Personen-Haushalts inklusive der Jonglage zwischen Fernstudium, Dozentendasein und Familienbedürfnissen? Belastbarkeit, Flexibilität, Kreativität und fokussiert alle Dinge unter einen Hut zu bekommen und effektiv (oftmals spontan) anfallende Aufgaben gewissenhaft zu erledigen – Stärken, die jede Mutter täglich unter Beweis stellt. Unsere Gesellschaft und vor allem sehr viele Arbeitgebende sehen dieses nicht! Sie sehen oftmals lediglich die beruflichen formalen Qualifikation, die Frage nach einer Teilzeitbeschäftigung oder Homeofficemöglichkeiten oder auch die längere Abstinenz von einem regelmäßigen, sozialversicherungspflichten Job. Kriterien, die dann schnell zu einer Absage oder den Verweis auf fehlende Qualifikation führen – fehlen, weil zu lange raus aus dem Job. Man gilt als ungelernte Kraft!

Ein Foto mit mir, bei dem ich in die Kamera lächle und einen senfgelben Schal trage.

Das Formale und das Informelle

Hey.
Ich bin Eva, 39 Jahre alt und drei Kinder.
Ich habe einen Abschluss als Industriekauffrau. Ich habe ein fast abgeschlossenes Studium der Bildungswissenschaft. Ich arbeite oder habe gearbeitet als Dozentin für unterschiedliche Kursthemen wie Deutsch für Migrantinnen, Deutsch für osteuropäische Schichtarbeiter, medienpädagogische Arbeit mit Kindern und SeniorInnen, Computerkurs für Frauen, Hörspiele mit Kindern gestalten, generationsübergreifende Kreativangebote und habe Vorträge gehalten über das Bloggen, über das Fernstudium, über das Lesen für SeniorInnen im Rahmen der Hospizbewegung, über Gefahren im Internet, über den Einsatz von WhatsApp, über die Möglichkeiten der Digitalisierung für Teilhabe von SeniorInnen. Ich habe diverse Fachkonferenzen und Fachtage der Landesmedienanstalt NRW, der Volkshochschulen oder Bildungstagen von Kreisen besucht; Multiplikatorenausbildungen zu Themen wie Leseförderung, Lesen für Senioren, Digitalisierung und Internet, e-facilitator für Digitalisierung von SeniorInnen und als Multiplikatorin für OER – Offene Bildungsressourcen absolviert; dazu kommt noch die aktive Teilnahme an MOOCS (große Onlinekurse) wie dem MOOC Maker Kurs, vhsMOOC und noch einem, dessen Name mir gerade nicht einfällt.


Herbstgarten. Man sieht hier Birkenstammabschnitte, Stauden im Herbstoutfit

Dinge, die nicht in einem Lebenslauf stehen

Wenn ich mir das so vor Augen führe, dann ist das ganz schön viel für nichts und nur Haushalt und Muttersein. Warum kommt das nicht in unserer Gesellschaft und bei Arbeitgebenden an? Wo liegt das Problem, dass man sich nicht zuerst den Menschen anschaut anstatt auf seine formalen Qualifikationen? Bei der Aufzählung fehlen für mich allerdings neben den formalen Qualifikationen noch die informellen, die die ich im Laufe der Jahre durch Lebenserfahrung, Austausch in diversen Gruppen und auf Social Media sowie durch die Aufgaben, die mir das Leben so stellte, erlangt habe.

Neben den üblichen Alltagsaufgaben gilt es die Bedürfnisse von fünf Familienmitglieder mit unterschiedlichen Voraussetzungen wie einer Aufmerksamkeitsschwäche, einer Hochsensibilität und diversen anderen Einschränkungen mit den Anforderungen wie Schule, Arbeit und Familienleben in Einklang zu bringen. Ich kann backen, kochen, nähen, basteln, mit Werkzeug umgehen, den Garten gestalten, fungiere gut als Lehrkraft in unterschiedlichsten Fächern und Klassenstufen für meine Kinder (ja, das würden sie euch tatsächlich genau so bestätigen). Als amtlich bestellte Betreuerin für meine Mutter habe ich immer wieder Berührungspunkte mit dem Sozialamt, der Krankenkasse, dem Betreuungsgericht, dem Pflegeheim, diversen Ärzten, dem Rentenversicherungsträger – also recht fit in diesen für uns wichtigen Bereichen.
Charakterlich kann ich aus verschiedensten Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen sagen:
Ich bin …
… teamfähig
… durchsetzungsstark
… sehr lösungsorientiert
… darauf bedacht, dass möglichst alle zufrieden sind
… sozial
… manchmal rechthaberisch
… hartnäckig
… nicht gut darin, offensichtlich uneffektives und unsoziales Handeln zu akzeptieren
… eine Freundin zum Pferdestehlen, wer einmal mein Herz erobert hat, der hat einen festen Platz darin, auch wenn es zwischenzeitlich Probleme und Auseinandersetzungen gibt
… ehrgeizig
… fleißig
… schnell
… effektiv
… wissbegierig
… unzufrieden, wenn ich die Hintergründe von Handlungen nicht erklärt bekomme
… zuverlässig
… engagiert, wenn ich einen Sinn in etwas sehe und es mir Spaß macht
… habe ein Elefantengedächtnis und vergesse (leider) nur selten
… chaotisch und habe dennoch meistens alles im Griff – keine Ahnung wie das geht, aber es funktioniert
… eine Macherin, auch wenn ich nicht gerne im Mittelpunkt und Vordergrund stehe
… eine gute Lehrkraft, die versucht alles möglichst alltagsnah und mit viel Geduld zu erklären
… geduldig
… herzensgut
… mürrisch
… gerecht
… diskutierfreudig
… habe einen Kopf voller Ideen, aber meist habe ich einfach zu wenig Zeit, diese umzusetzen
… intelligent, auch wenn ich das nicht immer anerkennen kann
… gut in Mathe und Buchhaltung und liebe Zahlen

Genug der Lobhuddelei, denn das bin so gar nicht ich. Ich kann weder mit Lob gut umgehen, noch mich mündlich vor anderen gut darstellen. Schwächen gehören zur Wahrheit immer dazu. Und jede:r hat sie!
Leider kenne ich auch Sprüche wie „Woher willst du wissen, wie man arbeitet – du warst ja die letzten Jahre nur zuhause!“ oder „Du kannst nicht wissen wie es bei anderen Arbeitgebern ist. Du hast doch nie gearbeitet.“ oder auch „Wer nur zuhause ist, der ist eben unqualifiziert.“ und das gerne von Frauen und Männern, die weder Kinder haben noch den Arbeitgeber oft wechselten.

Eine Biene sitzt auf einer blasslilaen Asternblüte.

Jahrelang Mutter und jetzt?

Jetzt arbeite ich gerade in Teilzeit im öffentlichen Dienst in der Sachbearbeitung. Ein Job, der wie alle anderen Vor- und Nachteile hat. Es passt nicht zwingend zu meinen Fähigkeiten, aber die Sicherheit eines sozialpflichtigen Jobs mit einem regelmäßigen Einkommen überwiegt momentan einfach. Und ich bin dankbar für einen Arbeitgebenden, der es Menschen nach langer Familienphase oder Quereinsteiger:innen ermöglicht einen qualifizierten und inhaltlichen Job auszuüben mit einem angemessenen Gehalt. Ein Arbeitgebender, der Teilzeit möglich macht, Homeoffice zumindest in Teilen anbietet und mit dem sich Arbeit und Familie recht gut vereinbaren lässt. Selbst das Fernstudium in meiner Freizeit und die Honorartätigkeiten als Dozentin an der VHS sind mir weiterhin möglich. Das ist leider nicht selbstverständlich, für mich aber wichtig aus unterschiedlichen Gründen.
Im Gegenzug versuche ich mein Bestes. Wiederhole Gelerntes gerne auch noch außerhalb meiner Arbeitszeit zuhause, engagiere mich und wenn Not am Mann oder der Frau ist, dann bin ich selbstredend bereit, die ein oder andere Überstunde zu absolvieren. Für mich selbstverständlich, wenn es auf beiden Seiten passt.

Kann ich mit 40 Jahren eigentlich noch ins Berufsleben einsteigen? Wobei, ist es überhaupt ein Einstieg oder doch viel mehr ein Weitermachen? Karriere erst ab 40 Jahren, ist das nicht viel zu spät? Lieber zufrieden sein mit dem was da ist? Welcher Arbeitgeber lässt sich auf eine 40Jährige ohne viel Berufserfahrung ein? Bleibt nur die Selbstständigkeit?

Man sieht mittig eine Straße und am Ende einen Strommasten. Alles ist in einem goldenen Herbstlicht getaucht.

Warum dieses vehemente Pochen auf formale Abschlüsse?

Warum fällt es unserer Gesellschaft und den Arbeitgebenden so schwer, informell erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie charakterliche Züge und Talente anzuerkennen? Und warum wird im Gegenzug so sehr auf Formalien und formal erworbenen Qualifikationen und Abschlüsse gesetzt und verwiesen? Liegt es daran, dass man dem Formalen mehr Gewicht zu kommen lässt, weil es in Deutschland reglementiert ist durch Curricula was wie wo und wann mit welchem Abschluss an Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben werden kann / wird? Das fängt ja bereits nach der Grundschule an, denn die erbrachten Leistungen führen zur Empfehlung für die Schulart der Weiterführenden Schule und in einigen Bundesländern brauchen die Schüler:innen sogar ganz bestimmte Notendurchschnitte auf ihrem Grundschulzeugnis. Nach der Schulzeit braucht es dann formal erworbene Schulabschlüsse, um für einen Beruf als geeignet zu gelten. Ich habe das ja bis heute nur bedingt verstanden. Warum? Sagt zum Beispiel ein Abitur etwas darüber aus, ob ich gut mit Kindern umgehen, mich in diese hineinversetzen kann und geeignet für den Beruf als Erzieher:in bin, oder viel mehr, ob ich eventuell die schulische Ausbildung meistern könnte? Sicherlich braucht es ein gewisses Verständnis und ein gewisses Lernvermögen, um zum Beispiel die Anforderungen des Berufes der/des Erzieherin/Erziehers ausüben zu können und doch sind nicht zu benotende Eigenschaften in diesem Beruf entscheidender als die Darstellung des Lernvermögens. Und wer kann schon wirklich sagen, ob der/die Abiturient:in nicht völlig ungeeignet und unmotiviert ist, aber der/die Hauptschüler:in durch den klaren Anreiz den Wunschberuf zu erlernen es nicht genauso gut oder sogar besser bewältigen wird. Es wird sich in der Gesellschaft und der Arbeitswelt krampfhaft an formal erworbene Fertigkeiten und Fähigkeiten geklammert und meines Erachtens nach dadurch viele Chancen für die Arbeitswelt, aber auch für den Einzelnen und die Einzelne verbaut. Eine gute Arbeitskraft braucht viel mehr als einen formal erlangten Abschluss.